2.1.2

Verantwortung von Designer*innen & Design als Handlung

Wir können Design also als Form der praktisch-ästhetischen Welterschließung begreifen. Doch um zu klären, welche Verantwortung Designer*innen im Designprozess übernehmen können, müssen wir einerseits betrachten, welche Handlungen Designer*innen vornehmen. Andererseits müssen wir uns anschauen, wen diese Handlungen betreffen. Und zuletzt müssen wir sehen, vor wem sich Designer*innen verantworten müssen.

Wenn wir von der Verantwortung von Designer*innen sprechen, erheben wir automatisch einen großen Geltungsanspruch für das Design. Sicherlich gibt es einige Menschen, die behaupten, dass Designer*innen als Dienstleister*innen keine eigene Verantwortung tragen, sondern diese von den Kund*innen und Konsument*innen getragen wird. Bevor solche Schlüsse gezogen werden, sollte ein Blick auf den Begriff der Verantwortung im bestehenden Kontext geworfen werden.

Max Weber definiert die sozialethische Verpflichtung folgendermaßen: „Jeder Akteur muss für die voraussehbaren Folgen des eigenen Handelns aufkommen können. Er muss sich für das was er getan hat (oder auch dafür, was er dabei im Sinn hatte), rechtfertigen können. Verantwortung ist über die letzten beiden Jahrhunderte zu einem »Schlüsselbegriff des modernen Lebens geworden«, wie der Philosoph Hans Ernst Schiller resümiert hat: »Verantwortung heißt […] Antwort zu geben auf die Anklage, dass man etwas getan hat, was religiösen, und moralischen Geboten oder staatlichen Grenzen widerspricht.«“1

Rüdiger Funiok bezeichnet Verantwortung als ethische Schlüsselkategorie, „wenn auch zuzugeben ist, dass sie eher eine heuristische Funktion besitzt und die Bestimmung letzter ethischer Prinzipien voraussetzt.“ Verantwortung ist damit zentrales Hilfsmittel der Ethik. R. Funiok gliedert Verantwortung folgendermaßen auf:

  1. Wer trägt Verantwortung? (Handlungsträger)
  2. Was ist zu verantworten? (Handlung)
  3. Wofür trägt er Verantwortung? (Folgen)
  4. Wem gegenüber trägt er Verantwortung? (Betroffene)
  5. Wovor muss er sich verantworten? (Instanzen, z.B. Gewissen, Öffentlichkeit)
  6. Weswegen muss man sich verantworten? (Werte, Normen, Kriterien)2

Handlung ist ein Schlüsselbegriff der Verantwortungstheorie und auch in der Ethik.3 Deswegen sollen an dieser Stelle zwei Handlungstheorien angeführt werden, die für unterschiedliche Aspekte des Designs brauchbar gemacht werden können. Daniel Feige arbeitet den Entwurf als Handlung des Designers auf. Habermas entwickelt eine deutlich umfassendere Theorie des kommunikativen Handelns, die Designer*innen für unterschiedliche Aspekte ihres Berufs um den Entwurf herum gebrauchen können.

2.1.2.1 Was ist zu verantworten? Entwerfen als Handlung

Zur Handlung möchte ich mich auf Daniel Feiges Handlungstheorie des Designs berufen. Als erstes müssen wir Handlungen von Verhalten unterscheiden. Handlungen sind „Ausdruck unseres Willens“.4 Damit deuten Handlungen auch immer auf die Intention des Handelnden. Die Handlung selbst ist aber weiter zu fassen als die Intention. So kann man zum Beispiel manchmal erst im Nachhinein, wenn man beobachten konnte, was passiert ist, sehen, was man getan hat. Die Intention steht allerdings schon im Vorhinein fest.

„Designgegenstände sind Ausdruck der Intention ihrer Produzenten. Solche Intentionen werden aber […] erst in und durch den Prozess des Entwerfens und Gestaltens herausgearbeitet.“5

Daniel Feige entlehnt drei zentrale Begriffe aus der musikalischen Improvisation für den Designentwurf. Entwurf ist prozessual, dynamisch und autopoetisch. „Prozessual ist Entwerfen und Gestalten deshalb, weil es keine vorgängig gegebenen Regeln abspult, sondern sich auch dann, wenn es Regeln integriert, entsprechende Regeln selbst gibt. Dynamisch ist Entwerfen und Gestalten deshalb, weil erst im und durch den Prozess selbst, und das heißt immer auch in der und durch die Arbeit mit bestimmten Medien und Materialien, die Designidee geklärt und dabei zugleich bestimmt wird. Autopoetisch schließlich ist Entwerfen und Gestalten dahingehend, dass es sich nicht einfach gegenüber früherem Entwerfen und Gestalten imitierend verhalten kann.“6

Doch Design ist nicht nur entwerfen. Auch das Nicht-Entwerfen ist eine wichtige Handlung. Also die Erklärung eine*r Auftraggeber*in gegenüber, dass es insgesamt besser wäre einen Designgegenstand nicht zu entwickeln. Dies kann zum Beispiel aus Gründen des Umweltschutzes, oder aus finanziellen Gründen eine Option sein.7 Großer Teil der Arbeit von Designer*innen ist außerdem die Abstimmung und Kommunikation mit Rezipient*innen und Kund*innen. Dafür lohnt es sich Habermas „Theorie des kommunikativen Handelns“ anzusehen. Doch vorher sollte ein Blick auf die verschiedenen Anforderungen geworfen werden, die die jeweiligen Interessensparteien an den Designgegenstand stellen, damit wir ein besserer Blick dafür eingenommen werden kann, was potentielle Anforderungsdiskurse sein können.

2.1.2.2 Was sind die Anforderungen des Designs?

Horst Rittel benutzt anstelle des Terminus Anforderungen des Designs das Wort „Issue“. Dieses Wort umfasst mehrere Teilbedeutungen. Es kann einerseits Thema oder Aspekt bedeuten, andererseits Problem. Ich benutze im weiteren für diesen Begriff das Wort Anforderung. Anforderungen des Designs finde ich passender, da es zum Beispiel Wünsche de*r Kund*in inkludiert, die eher Geschmacksfragen als wirkliche Probleme darstellen, dennoch aber eine relevante Berücksichtigung im Entwurfsprozess finden müssen und die weiteren Bedeutungen ebenfalls gut mitträgt.

In meiner Liste der Anforderungen, die Designer*innen berücksichtigen, beziehe ich mich auf Horst Rittel und ergänze mir wichtig erscheinende, welche bei ihm (mit einem deutlich größeren Fokus auf Industriedesign und Architektur) zu wenig Bedeutung finden. Zu betonen ist seine Abgrenzung von Issues und Meta-Issues.8 Designer*innen hinterfragen ständig, ob der Entwurfsprozess überhaupt sinnvoll ist.

vgl. @rittel2012, S. 23f

Ich werde an späterer Stelle noch darauf eingehen, wie genau sich die unterschiedlichen Anforderungen auf den Designprozess auswirken (Siehe Kapitel 2.1.3)

2.1.2.3 Was ist zu verantworten? Kommunikation als Handlung

Nur ein Teil von dem, was Designer*innen machen, ist tatsächlich Entwurf. Sie beschäftigen sich außerdem mit der Ausarbeitung von ebendiesen. Vor allem verbringen sie aber auch viel Zeit im Austausch mit Kund*innen, Rezipient*innen, anderen Designer*innen und Produzent*innen. Um das besser nachvollziehen zu können lohnt es sich, einen Blick auf Kommunikation als Handlung zu werfen. Wir könnten das kommunikative Handeln auch durch den Begriff der Interaktion verständlicher machen. Kommunikative Handlungen sind Angebote zur Handlungskoordinierung, zum Beispiel Absprachen.9

Habermas teilt Handlungen in zwei verschiedene Handlungstypen ein. Soziale und nicht-soziale Handlungen. Nicht-soziales Handeln im Design wurde zuvor10 mit Feige beleuchtet. Habermas kann uns wertvolle Anhaltspunkte für den kommunikativen Umgang mit anderen Menschen geben.

Grundtypen rationalen Handelns: vgl. @habermas2016, S. 384

Wichtig für Habermas ist die Unterscheidung von erfolgsorientiertem und verständisgungsorientiertem Handeln. Er unterscheidet diese beiden im Sinne des Ziels der jeweiligen kommunikativen Handlung. Ist das Ziel eine reine erfolgsorientierte Einflussnahme auf die Entscheidung de*r Gegenspieler*in, handelt es sich um strategische Kommunikation. Ist das Ziel aber Verständigung spricht Habermas von kommunikativen Handlungen. Akteure die so handeln, „verfolgen ihre individuellen Ziele unter der Bedingung, daß sie ihre Handlungspläne auf der Grundlage gemeinsamer Situationsbedingungen aufeinander abstimmen können.“11 Der eigene Erfolg wird also untergeordnet.

Strategische Kommunikation untergliedert Habermas weiter. Grundsätzlich unterscheidet er offenes und verdecktes strategisches Handeln. Eine offen strategische Handlung wäre zum Beispiel ein Befehl. Die Anordnung von Vorgesetzten an Untergeordnete ist also nicht auf kommunikatives Einverständnis aus.

Verdecktes strategisches Handeln ist also eine Handlung in der mindestens eine*r der Teilnehmer*innen die Vorraussetzungen des kommunikativen Handelns nicht erfüllt. Bei dem systematisch verzerrten Kommunikation täuscht er*sie sich selbst. Bei der Manipulation wird dem Gegenüber vermittelt, es handle sich um kommunikatives Handeln, während mindestens eine Person verdeckt strategisch handelt.

Typen strategischen Handelns: vgl. @habermas2010, S. 462

Kommunikative Handlungen werden von Habermas weiter unterteilt in Konversation, normenreguliertes Handeln und dramaturgisches Handeln. Diese haben drei unterschiedliche Geltungsansprüche. Konversation beansprucht Wahrheit; Dramaturgisches Handeln beansprucht Wahrhaftigkeit; Normenreguliertes Handeln beansprucht Richtigkeit.12 Idealerweise werden – so Habermas – für die Geltung von Argumenten Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Wahrheit beansprucht.13

Immer wenn das alltägliche kommunikative Handeln gestört wird, betreten wir die Ebene des Diskurses. Solche Störungen können zum Beispiel verzerrte Geltungsansprüche, Unsicherheiten oder Hinterfragen sein.14 Der Diskurs ist also weitgehend eine Reflexion des kommunikativen Handelns, auf der Ebene der Wirklichkeit und der Absichten. Diese Sonderform der kommunikativen Handlung wird in Kapitel 2.1.3. vertieft. Zur weiteren Vertiefung und Veranschaulichung folgen hier zwei Tabellen von Habermas zu den Typen sprachlicher Interaktion angefügt.

Reine Typen sprachlich vermittelter Interaktion; Aspekte der Handlungsrationalität: vgl. @habermas2016, S. 439 & S. 448

2.1.2.4 Der Designprozess — Interdependenzen von Designer*innen, Kund*innen und Rezipient*innen

Kund*innen von Designer*innen treten in der Regel mit mindestens einer von zwei Anforderungen an Designer*innen heran. Es gilt Geld zu verdienen oder es geht darum Menschen zu helfen. Manchmal geht es auch um beides.

Diese ökonomischen und pragmatischen Interessen bilden das Briefing, mit dem d*ie Kund*in an d*ie Designer*in herantritt (Ich brauche aus diesem Grund folgendes Designprodukt für diese Gruppe von Menschen .).

Dieses Briefing lässt d*ie Designer*in nicht für sich stehen. Er*sie hinterfragt auf mehreren Ebenen die Forderung de*r Kund*in. Unterstützt das gewünschte Designprodukt tatsächlich die bestmögliche Umsetzung des Ziels de*r Kund*in?

Gerade im heutigen Kommunikationsdesign müssen wir wieder ein stärkeres Bewusstsein für die Serialität von Designgegenständen schaffen. Wenn wir davon sprechen ein Plakat zu entwerfen, meinen wir eigentlich, dass wir einen Blueprint, ein Bauplan für ein Plakat entwerfen, dass aber in mannigfaltiger Art, an verschiedenen Orten von verschiedenen Personen betrachtet, eine Fülle von Gegenständen beschreibt. Noch deutlicher tritt dieser Effekt zum Beispiel bei Websites auf, die je nach Nutzung, Browser, Bildschirm, Gerät und besonderen Einstellungen / Einschränkungen des Nutzers ganz unterschiedliche Formen annimmt.

Ich habe im Folgenden eine Grafik entwickelt, welche die verschiedenen Interessensparteien im Designprozess aufzeigen und ihre Zusammenhänge darstellen soll. Ich postuliere, dass sich die ästhetischen, inhaltlichen und funktionalen Anforderungen aus dem Zwischenspiel von Designer*innen, Rezipient*innen, Kund*innen und Hersteller*innen ergeben.

2.1.2.5 Wofür kann d*ie Designer*in Verantwortung vor wem übernehmen? Folgen des Designs

Rezipient*innen: Designgegenstände sind oft Einladungen zu neuem Wissen, neuen Sichtweisen oder neuen Handlungsmöglichkeiten. Deswegen trägt d*ie Designer*in auch in gewisser Weise dazu bei, dass der jeweils entworfene Designgegenstand das Leben von Menschen verändern kann. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Besonders brauchbar finde ich die Unterscheidung, die Friedrich von Borries macht. Dieser trennt Designgegenstände in welche die entwerfen, also ermächtigend sind und unterwerfen, also entmächtigend sind. 15 Ich möchte es allerdings nicht entwerfendes und unterwerfendes Design nennen. Das liegt vor allem daran, dass ich das Wort weiterhin im Sinne des Entwurfprozesses benutzen möchte. Dieser findet unabhängig davon statt ob der jeweilige Designgegenstand nun die Handlungsoptionen von Menschen jetzt oder in Zukunft einschränkt oder erweitert – also entmächtigt oder ermächtigt. Es ist aber wichtig uns darüber klar zu werden was Designgegenstände mit Menschen machen. Und da ist die Unterscheidung in die Erweiterung oder die Verengung von Handlungsspielräumen eine sehr wichtige.

Außerdem ist es in der Verantwortung de*r Designer*in möglichst allen betroffenen Menschen die Handhabung des Designgegenstands zu ermöglichen. Damit wird auf der einen Seite niemand ausgeschlossen und auf der anderen Seite wird das Problem der Auftraggeber*in so gut wie irgend möglich gelöst.

Auftraggeber*innen: Designgegenstände entstehen in der Regel nicht durch Willkür sondern, da es Menschen mit einem Bedürfnis gibt, denen durch den jeweiligen Designgegenstand Befriedigung versprochen wird. Das kann ein Problem sein, dass durch einen ästhetisch-praktischen Gegenstand aufgehoben oder abgemildert wird. Das kann aber auch nur der Profit sein, der sich durch die Lösung einer Anforderung, die andere Menschen haben, versprochen wird. D*ie Designer*in trägt Verantwortung, dass dieses Bedürfnis bestmöglich erfüllt wird.

Gesellschaft: Designer*innen haben beträchtlichen Einfluss auf die Gesellschaft. Ein Großteil des heute produzierten Mülls ist wohl im ursprünglichen Zustand ein Designprodukt gewesen. Designer*innen tragen für die heutige und zukünftige Gesellschaft eine Verantwortung. Dies geschieht auch auf Ebene der Werte und Normenbildung durch Design. Designer*innen haben eine besondere Verantwortung, wenn sie gesellschaftliche Werte spiegeln, abbilden und vermarkten wollen.

Hersteller*innen: Designer*innen entwickeln nur den Bauplan für ein fertiges Designprodukt. Für die Prüfung der Umsetzbarkeit dieses Bauplans sind immer wieder Abstimmungen mit dem*r jeweiligen Hersteller*in notwendig. So muss d*ie Designer*in schon im Entwurfsprozess die Realisierbarkeit des Blueprints prüfen und gegebenenfalls die Anforderungen im Bezug auf den Herstellungsprozess anpassen.

Kolleg*innen:

Designer*innen haben eine Verantwortung ihren Kolleg*innen gegenüber. Ihre Handlungen und ihr Verhalten wirkt sich auch direkt auf diese aus. Zum Beispiel Arbeit, die nicht erledigt werden kann, belastet eventuell andere Teammitglieder.

D*ie Designer*in selbst und seine/ihre Nächsten: Auch um sich selbst muss sich ein*e Designer*in kümmern. Sein wirtschaftliches Auskommen, ein nachhaltiger Arbeitsplatz und ausgeglichener Lebensstil sollten gewährleistet sein.

2.1.2.6 Weswegen müssen Designer*innen sich verantworten?

Designer*innen gelangen immer wieder in Dilemma zwischen verschiedenen Verantwortungsansprüchen, denen sie ausgesetzt sind. Grundsätzlich können folgende Arten der Verantwortung übernommen und unterschieden werden.

Rollenverantwortung:

Dazu gehören solche Verantwortlichkeiten, die in der Form von Rollen übernommen werden, die uns auf verschiedene Arten und Weisen zugeschrieben werden. Dazu gehört zum Beispiel der gewählte Beruf und die daraus resultierenden Pflichten und Erwartungen. Aber auch die Position und etwaige untergeordnete Kolleg*innen gehören in diese Kategorie. Die Berufsethik beschreibt zum Beispiel große Teile der Rollenverantwortung für Designer*innen. Jene Berufsethik – oder Professionsethik – ist bei Designer*innen deutlich schwerer zu umreißen als zum Beispiel bei Ärtzt*innen, wo solche Fragen weitgehend durch den hippokratischen Eid geklärt und verallgemeinert sind. Etwas, das einer Professionsethik im Design nahekommt, sind zum Beispiel die zehn Thesen für gutes Design von Dieter Rams.16 Allerdings gibt es meines Wissens nach keine philosophisch-ethisch hergeleiteten Thesen für gutes Design.

Bürgerverantwortung:

Bürgerverantwortung ist eher etwas, was wir vor der weiteren Gesellschaft zu verantworten haben. Zum Beispiel könnte man das Wählen der Volksvertreter dazu zählen. Weite Teile von dem was unter verantwortungsvollem Einkaufen verstanden wird oder auch generell die Rücksicht auf Politik und Umwelt, sind Teil der Bürgerverantwortung.

Selbstbehauptungsinteressen:

Diese Kategorie überschreibt zunächst in weiten Teilen die beiden anderen Verantwortungskategorien. Hier finden wir zum Beispiel die Notwendigkeit unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen und unser Überleben, wie das unserer Nächsten, zu sichern.

Designer*innen haben es fast immer mit einem Konflikt dieser drei Verantwortungsebenen – (1) Rollenverantwortung, (2) Bürgerverantwortung und (3) Selbstbehauptungsinteressen – zu tun. Es kann keine Handlungsanweisungen geben, die beispielsweise dem Selbstbehauptungsinteresse stets die erste Priorität einräumen. Ich werde später darauf zurückkommen und einige Modelle vorstellen, die zumindest in Anhaltspunkten Hilfestellungen zur Entscheidung geben können. Ich möchte ein theoretisches Beispiel anbringen, wie diese Verantwortungsformen im Zwiespalt stehen können:

Ein*e Designer*in wird beauftragt eine Imagekamapgne für einen Kohlekonzern zu entwickeln. Im Rahmen der Bürgerverantwortung könnte man an dieser Stelle als solides Argument einbringen, dass es nicht gut für die Umwelt ist, Kohlekonzerne in einem guten Licht zu präsentieren. Die Folge daraus könnte sein, dass weniger Menschen auf alternative Energiequellen umsteigen und/oder sich die Politik weniger genötigt fühlt, den Ausstieg zu beschleunigen. Es ist also die Bürgerverantwortung eines*r Designer*in, keine derartige Kampagne zu entwickeln. Lehnt er oder sie diesen Job ab, droht aber die Kündigung und damit ist der Lebensunterhalt bedroht. Ein Dilemma zwischen den Selbstbehauptungsinteressen de*r Designer*in und deren*dessen Bürgerverantwortung. Nähmen wir an, es wäre nicht irgendeine Imagekampagne sondern eine, die die Umweltverträglichkeit von Kohlekraftwerken darstellen sollte. Dann wäre es Teil der Rollenverantwortung des*r Designer*in das Jobangebot abzulehnen. Schließlich würde seine Arbeit dazu beitragen, Unwahrheiten zu verbreiten. Dies würde in der Konsequenz – unter anderem – die ohnehin bereits eingeschränkten Glaubwürdigkeit von Design- bzw. Werbearbeit schmälern.

2.1.2.7 Abschließende Bemerkungen

Im Recht hängt Verantwortung und Pflicht dadurch zusammen, dass die Übernahme der Verantwortung die Übernahme von Pflichten bedeutet, für mögliche Folgen einer Handlung einzustehen. Im Design muss auf jeden Fall festgehalten werden, dass Verantwortung ein relativer Begriff ist. Wir werden später noch darauf eingehen, wann ein*e Designer*in überhaupt in der Lage ist Verantwortung zu übernehmen (siehe Kapitel 2.2). Designer*innen finden sich in einem großen Spannungsfeld aus Verantwortungen und oft in der Zwickmühle, Kompromisse zwischen verschiedenen Verantwortungsinstanzen treffen zu müssen. Der Designtheoretiker Christian Bauer hat für die Gliederung der Verantwortungseinheiten folgendes Diagramm erstellt.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal für Möglichkeit einer Teilnahme am Seminar Angewandte Ethik bedanken, aus dem auch folgende Grafik entstammt.

Entscheidend für die Verantwortung ist auch die Folgenschwere der Handlungen. Wenn Designer*innen zum Beispiel Sprache verwenden, wird diese ja nicht nur von einer oder maximal einer Handvoll von Personen gehört. Eine Plakatserie oder eine große Werbekampagne hat das Potential eine breite Menge von Menschen zu erreichen. Welcher sprachliche Umgang gewählt wird, hat eine nicht zu verachtende Auswirkungen auf die Umgangssprache und das, was wir sprachlich als normal empfinden. Designer*innen tragen demnach eine größere Verantwortung ihre eigene Sprache zu reflektieren und zu überlegen, welche Art von Sprache sie anwenden. So haben, meiner Meinung nach, Designer*innen beispielsweise eine ungemein größeren Chance, das Gendern zu normalisieren. Und auch wenn es selbstverständlich nicht die Pflicht eines*r jedes*r Designer*in ist, das auch zu tun, muss diese Entscheidung zumindest aufgrund ihrer, für Designer*innen erhöhten, Verantwortung stärker hinterfragt werden.

Wenn wir akzeptieren, dass es sich bei Design um die „praktisch-ästhetische Erschließung der Welt“ handelt, hat das weitgehende Konsequenzen für die moralische Rolle des Designers. Während Kunst Gesellschaft und menschliches Handeln thematisiert und kritisiert, geht Design auf ganz andere Art und Weise damit um. Design gibt uns Möglichkeiten, wie wir mit der Welt umgehen, indem es unseren Handlungsspielraum verändert. Damit gibt Design Menschen Optionen zum Handeln. Und von da aus stellt sich auch schnell die Frage „Wie sollen wir handeln?“, also die zentrale Frage der Ethik.17

Anders formuliert spitzt Daniel Feige zu: „Kunst ist Kritik, Design bedarf der Kritik“18 Und tatsächlich ist das Design als entwerfende Berufsform stark auf Kritik angewiesen und zwar von verschiedenen Seiten. Von Gesellschaft, Kolleg*innen, Kund*innen und Rezipient*innen benötigen Designer*innen in ihrer Arbeit kritische Reflexion. Denn oft gibt es im Gestaltungsprozess Meinungsunterschiede oder ungeklärte Anforderungen, die aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden müssen. Um das theoretisch zu hinterleuchten ist das diskursethische Modell aus zwei Gründen sehr hilfreich. Erstens zeigt es uns als Teil der kommunikativen Handlung, wie wir bestmöglich mit unseren Gegenübern diskutieren können, wovon Kritik ein elementarer Bestandteil ist. Und zweitens zeigt es uns, wie Designer*innen in einem gesellschaftlichen Kontext prüfen können, ob ihr Design gelungen ist.

  1. Zitiert nach: Weber, Max. Politik als Beruf. Stuttgart. 1919 In: @bauer2017 S.36 ↩︎
  2. Zitiert nach: Funiok, Rüdiger: Medienethik: Trotz Stolperstein ist der Wertediskurs über Medien unverzichtbar. In: Medien und Ethik. Hrsg. v. Matthias

    Karmasin. Stuttgart 2002, S. 37-58, hier: S. 44

  3. Für das weitere Verfahren in dieser Arbeit ist es wichtig kurz die Begriffe Ethik, Moral, Werte und Normen verständlich zu machen, weil diese in der Philosophie unterschiedlich gebraucht werden. Da diese Thesis weitgehend auf Habermas aufbaut bediene ich mich auch seines Gebrauchs dieser Worte.

    Ethik ist demnach der Ort an dem Werte verhandelt werden. Moral wiederum verhandelt Normen. Werte sind unsere höchsten Prinzipien. Normen wiederum sind Regeln, wie wir unsere Werte praktisch anwenden.

    Die andere in dieser Arbeit nicht benutzte Auffassung der Worte Ethik und Moral wäre in etwa folgende: Moral bestimmt wie wir im Alltag versuchen gut zu handeln, während Ethik die Wissenschaft ist, die sich mit Moral auseinandersetzt und diese philosophisch reflektiert.

  4. @feige2018 S. 146 ↩︎
  5. @feige2018 S. 155 ↩︎
  6. @feige2018 S. 159 ↩︎
  7. @sommer2014, S. 118 ↩︎
  8. @rittel2012, S. 23–24 ↩︎
  9. @krallmann2001, S. 289 ↩︎
  10. Kapitel 2.1.2.1 ↩︎
  11. @habermas2016a, S. 385 ↩︎
  12. vgl. @habermas2016a, S. 439 ↩︎
  13. @habermas2010, S.345–355

    Habermas bezeichnet korrekte Geltungsansprüche die sich auf die objektive Welt beziehen als Wahrheiten. (Es ist wahr, die Sonne scheint) Korrekte Geltungsansprüche die sich wiederum auf normenreguliertes Handeln beziehen sind somit Richtigkeiten. (Du hast recht, ich brauche keinen Regenschirm)

  14. @krallmann2001, S. 290 ↩︎
  15. @borries2016, S.28 ↩︎
  16. Es ist aber fraglich, wie praktikabel diese Thesen alle sind. Nummer neun lautet zum Beispiel „Gutes Design ist umweltfreundlich.” Und obwohl man zwar gerne zustimmen würde, muss man sich doch die Frage stellen, wie umweltfreundlich Design als Motor des Kapitalismus und Hersteller von Konsumprodukten und Konsumbedürfnissen wirklich ist. Man kann sich ein postkapitalistisches Design vorstellen und es wäre in vielerlei Hinsicht auch nötig Designer*innen in einer derartigen Gesellschaft zu haben, aber diese These verkennt doch die Realität, in der sich Design bewegt. ↩︎
  17. Beziehungsweise ist das die kantianische Frage der Ethik. Aristoteles würde wohl eher Fragen: „Was ist das gute Leben?“ ↩︎
  18. @feige2019 S. 34 ↩︎

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